Soll ich mich trennen, obwohl ich ihn liebe?

Von Aleksandra Veröffentlicht am 6 Minuten Lesezeit

Kurz gesagt

Liebe allein beantwortet nicht, ob du in einer Beziehung bleiben solltest. Sie sagt dir erst mal nur, dass dir dieser Mann wichtig ist. Die ehrlichere Frage ist oft, ob du dich mit deinen eigenen Bedürfnissen in eurer Beziehung noch wiederfindest, und die kannst du erst beantworten, wenn du dich selbst wieder klarer hörst.

Ihr hattet einen schönen Abend. Du schaust ihn an, wie er da in der Küche steht und den Geschirrspüler einräumt, und denkst: Ich hab ihn doch lieb. Und zwei Stunden später liegst du wach und fragst dich zum hundertsten Mal, ob du dich trennen solltest.

Wenn du dich darin wiedererkennst, dann ist das vermutlich der Teil, der dich am meisten verwirrt. Denn wie soll das zusammenpassen? Wenn man jemanden liebt, bleibt man doch. Und wenn man gehen will, liebt man halt nicht mehr. So einfach ist es leider nicht, und ich glaube, genau deshalb kommst du mit dieser Frage auch nicht weiter, egal wie oft du sie dir stellst.

Kann man jemanden lieben und trotzdem an Trennung denken?

Ja. Ich kenne das aus der Begleitung von Frauen und aus meinem eigenen Leben. Ich bin seit über 15 Jahren mit demselben Mann zusammen, und ich liebe ihn. Es gab trotzdem eine lange Zeit, in der ich mich neben ihm so allein gefühlt habe, dass ich fast jeden Abend über Trennung nachgedacht habe.

Was ich damals nicht verstanden habe: Liebe beantwortet eine andere Frage als die, die mich nachts wach gehalten hat. Sie sagt dir, dass dir dieser Mensch wichtig ist, dass da Verbundenheit ist, eine gemeinsame Geschichte, vielleicht ganz viel Zärtlichkeit. Sie sagt dir aber nicht, ob du dich mit allem, was du brauchst, in dieser Beziehung wiederfindest. Das musst du dir schon selbst anschauen, und das ist meistens der unbequemere Teil.

Warum “Er ist doch ein guter Mann” es nicht leichter macht

Wenn er dich schlecht behandeln würde, wäre die Sache irgendwie klarer. Dann hättest du einen Grund. Aber er ist zuverlässig, er ist für dich und eure Familie da, er macht vieles richtig. Andere hätten wahrscheinlich gern deine Beziehung.

Und genau da fängt es an, fies zu werden. Weil es keinen eindeutigen Grund gibt, fängst du an, an dir selbst zu zweifeln. Bin ich zu anspruchsvoll? Bin ich undankbar? Stelle ich mich an? Irgendwann fragst du dich gar nicht mehr, was dir fehlt. Du fragst dich nur noch, ob es überhaupt okay ist, etwas zu vermissen, wenn er doch so ein guter Mann ist.

Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum so viele Frauen in diesem Hin und Her so lange feststecken. Wenn du dein Gefühl jedes Mal sofort wieder kleinredest, kannst du ihm auch nicht zuhören.

Geht es um die Beziehung oder um mich?

Ehrlich gesagt: meistens um beides. Und das macht es so schwer auseinanderzuhalten.

Bei mir war das so, dass alte Muster in mir mitgespielt haben. Ich habe sehr früh gelernt, Stimmungen zu lesen und mich anzupassen, und in meiner Beziehung ging mein Blick bei jedem kleinen Konflikt sofort zu ihm. Ist er genervt? Habe ich was Falsches gesagt? Gleichzeitig hat in unserer Beziehung aber auch wirklich etwas gefehlt, das ich mir anschauen musste. Zwei Dinge können gleichzeitig wahr sein, und das war für mich eine echte Erleichterung, als ich das verstanden hatte.

Ein paar Fragen, die dir beim Sortieren helfen können (nicht als Test, eher zum In-Ruhe-drüber-Nachdenken):

  • Wann kommen die Trennungsgedanken? Nach einem Streit, nach einem eigentlich schönen Tag, wenn du erschöpft bist, wenn er sich zurückzieht?
  • Was genau fehlt dir in diesen Momenten? Nähe, gesehen werden, Leichtigkeit, Ruhe, dass mal jemand fragt, wie es dir geht?
  • Hast du ihm das schon einmal klar gesagt und bist dabei geblieben? Oder hast du es gesagt und kurz danach wieder kleiner gemacht, damit die Stimmung nicht kippt?
  • Wie geht es deinem Körper mit ihm? Wirst du ruhiger, wenn er da ist, oder spannt sich etwas in dir an, auch wenn gar nichts passiert?

Wenn du merkst, dass du bei der dritten Frage schlucken musst, dann ist das übrigens ein ziemlich wichtiger Hinweis. Viele Frauen haben ihre Wünsche schon so oft zurückgenommen, dass ihr Partner gar nicht mehr weiß, wie wichtig sie ihnen eigentlich sind.

Warum dir eine Pro-und-Kontra-Liste hier selten hilft

Wahrscheinlich hast du schon so eine Liste geschrieben. Und wahrscheinlich hat sie dir nicht wirklich geholfen.

Das liegt daran, dass sich die Antwort im Dazwischen mit deinem Zustand verändert. Nach einem guten Tag willst du bleiben, nach einem schweren Abend willst du gehen, und beide Gefühle sind in dem Moment völlig echt. Wenn dein Körper angespannt ist, sieht alles bedrohlicher aus. Wenn du gerade erleichtert bist, sieht alles halb so wild aus. Eine Liste kann das nicht ausgleichen, weil du sie ja auch immer aus einem bestimmten Zustand heraus schreibst.

Deshalb arbeite ich mit dem Kopf und mit dem Körper. Wenn du ruhiger wirst, hörst du dich selbst klarer, und dann fühlt sich auch die Frage nach Bleiben oder Gehen anders an. Mehr dazu, wie ich arbeite, findest du auf der Seite So arbeite ich.

Womit du anfangen könntest

Ich will dir hier ehrlich sagen, was ich an deiner Stelle als Erstes tun würde, je nachdem, wo du gerade stehst. Und das ist nicht immer eine Begleitung bei mir.

  • Wenn du Angst vor ihm hast oder es Gewalt gibt (auch Drohungen, Kontrolle oder ständiges Kleinmachen): Dann ist ein Coaching nicht der richtige Ort. Hol dir bitte andere Unterstützung, zum Beispiel bei einer Beratungsstelle oder deiner Ärztin.
  • Wenn es dir seit Wochen richtig schlecht geht, du kaum schläfst und dich an nichts mehr freuen kannst: Dann sprich bitte zuerst mit deiner Hausärztin oder einer Psychotherapeutin. Das geht vor.
  • Wenn ihr beide spürt, dass etwas nicht stimmt, und er offen dafür ist, daran zu arbeiten: Dann ist eine Paarberatung oft der bessere erste Schritt als eine Begleitung nur für dich. Bei vielen Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen kostet das wenig oder nur eine Spende.
  • Wenn du erst mal für dich sortieren willst, ohne Geld auszugeben: Mach den Selbstcheck und schau dich in meiner kostenlosen Community um. Dort gibt es einen Mini-Kurs und Audios genau für die Abende, an denen sich alles dreht.
  • Wenn du dich schon seit Monaten oder Jahren in diesem Hin und Her drehst und merkst, dass du dich selbst kaum noch hörst: Dann ist eine längere Begleitung wie Zurück zu mir sinnvoll. Im kostenlosen Kennenlerngespräch sage ich dir ehrlich, ob ich glaube, dass ich dir helfen kann.

Was ich dir nicht sagen werde

Ich werde dir nicht sagen, ob du bleiben oder gehen sollst. Nicht hier und auch nicht in einer Begleitung.

Ich bin geblieben, und ich habe keine Geschichte, in der danach alle Fragen beantwortet waren, das wäre gelogen. Aber ich weiß heute aus eigener Erfahrung, dass beides ein guter Weg sein kann, wenn du ihn aus Klarheit gehst und nicht aus Angst. Und Klarheit fängt fast immer damit an, dass du dir selbst wieder ein bisschen mehr glaubst.

Selbstcheck · 4 Minuten

Wo stehst du gerade im Dazwischen?

Ein paar Fragen zu ganz alltäglichen Momenten mit ihm und mit dir. Am Ende sagt dir der Selbstcheck nicht, ob du bleiben oder gehen sollst. Er zeigt dir, wo du gerade stehst, was bei dir schon da ist und womit du anfangen könntest.

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Häufige Fragen

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Ist es normal, an Trennung zu denken, obwohl ich ihn liebe?
Es ist zumindest nichts, wofür du dich schämen musst. Trennungsgedanken in einer langen Beziehung sagen erst mal nur, dass etwas in dir Aufmerksamkeit braucht. Was genau, findest du eher heraus, wenn du hinschaust, wann die Gedanken kommen, als wenn du sie wegdrückst.
Sollte ich mit ihm über meine Trennungsgedanken sprechen?
Irgendwann wahrscheinlich ja. Viele Frauen warten damit, bis sie sich ganz sicher sind, und tragen es dadurch sehr lange allein mit sich herum. Es kann helfen, vorher für dich zu sortieren, was dir eigentlich fehlt, damit das Gespräch nicht nur aus der großen Frage "Bleiben oder gehen?" besteht.
Woran erkenne ich, ob ich ihn überhaupt noch liebe?
Das lässt sich selten an einem einzelnen Gefühl festmachen, vor allem nach vielen Jahren. Oft ist Liebe noch da, aber sie fühlt sich unter Erschöpfung, Alltag und unausgesprochenen Wünschen ganz anders an als früher. Hilfreicher als die Frage "Liebe ich ihn?" ist oft die Frage "Wie geht es mir mit ihm?".
Aleksandra sitzt im Herbst lachend an einen Baum gelehnt

Über die Autorin

Ich bin Aleksandra.

Ich bin seit über 15 Jahren mit demselben Mann zusammen und kenne das Dazwischen von innen. Heute begleite ich Frauen online mit Nervensystemarbeit (NESC, Ausbildung bei Britta Kimpel), Hypnose nach dem Simpson Protocol (zertifiziert, Hypnoschool Hamburg) und EFT-Tapping (Ausbildung Level 1 und 2 abgeschlossen). Ich sage keiner Frau, ob sie bleiben oder gehen soll. Coaching ersetzt keine Psychotherapie oder medizinische Behandlung.

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